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Bloggerin BodyMary im Wundercurves-Interview

Ein Artikel von   Tiffany  tiffany-la

"Dicksein ist eine Krankheit!"

"Dicksein ist eine Krankheit." - Eine Aussage, die gerade Menschen mit großen Körpern hart treffen kann. Ein Vorurteil, dass sicher einige von uns schon zu hören bekamen. Es bringt eine große Menge an Gefahren mit sich, wie die Diskriminierung von Ärzten, weil sie Krankheiten ausschließlich dem Gewicht zuschreiben, aber auch die Diskriminierung im Job, weil man nur wegen des Gewichtes den Traumjob nicht ergattert und vieles mehr. Wir sprachen mit Mary, politische Aktivistin und Mitglied der Gesellschaft für Gewichtsdiskriminierung e.V., über dieses Vorurteil und wollten wissen, wie sie dazu steht und was sich ihrer Meinung nach in der Gesellschaft ändern muss.

1. Wie geht es Dir gesundheitlich bzw. hast Du aufgrund Deines Gewichtes gesundheitliche Probleme?

Ich möchte diese Frage in einen Kontext setzen. Menschen mit einem großen Körper nach ihrer Gesundheit zu fragen, ist dann relevant, wenn sie von einem behandelnden Mediziner dazu befragt werden. Menschen mit einem großen Körper sind Niemandem verpflichtet Auskunft über ihren Körper bzw. ihre Gesundheit zu geben. Denn die Frage impliziert, dass das Gewicht nicht nur im Zusammenhang mit einer Erkrankung steht, sondern das Hochgewicht per se als Erkrankung definiert wird. Das Gewicht kann ein Indikator für eine Erkrankung sein. Bleibt der Fokus allerdings auf das Gewicht als einziger Risikofaktor im Zentrum der medizinischen Behandlung stehen, ohne andere Faktoren zu überprüfen, ist eine qualitative Aussage über den Gesundheitszustand eher unzureichend. Wenn man eine Beschwerde hat und man geraten bekommt, dass Gewicht zu reduzieren ohne das eine genaue Diagnose durchgeführt wurde, sollte man die behandelnden Mediziner fragen, wie eine Diagnose ausgesehen hätte, wenn man schlank gewesen wäre.

Was ich Euch noch ans Herz legen will, ist, wenn Ihr das Gefühl habt, dass Ihr von Euren Ärzten nicht ernst genommen werdet, nehmt eine Vertrauensperson mit. Wenn Ihr weitere Informationen und / oder Hilfe braucht, weil Ihr Opfer von diskriminierenden Verhalten im Gesundheitssektor geworden seid aufgrund Eures Gewichtes, dann könnt Ihr Euch auch an die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V. wenden.

Streetstyle auf der Berlin Fashion Week 2018

2. Wie sehr stören/nerven Dich solche Klischees über mehrgewichtige Menschen?

Diese Vorurteilte gegenüber Menschen mit großen Körpern stören und nerven, aber noch viel mehr machen sie mich wütend. Denn Vorurteile können diskriminierendes Verhalten zur Folge haben. Für Betroffene ist das purer Stress, den man sogar messen kann. Und Stress macht krank.

Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass Stress ein Faktor ist, der ein viel höheren Einfluss auf die Gesundheit von Menschen haben kann, als das Gewicht. Aber nicht nur das uns Diskriminierungserfahrungen krank machen können, stört mich. Darüber hinaus finde ich es auch sehr traurig, dass wir aufgrund der negativen Zuschreibungen Menschen mit großen Körpern, vielen Menschen die Möglichkeit nehmen zu zeigen, wer sie wirklich sind. Denn Menschen mit großen Körpern können alles, was auch „schlanke“ Menschen können. Sie können in allen beruflichen Feldern arbeiten, sind ehrgeizig, können Olympiasieger sein, können Kinder bekommen, können Partnerschaften haben, sind intelligent, können gesund sein und sie können all das und noch viel mehr. Mich stört an Vorurteilen, dass sie den betroffenen Menschen die Möglichkeiten nehmen ihr Leben selbstbestimmt und erfüllend zu leben.

3. Wie gehst Du damit um bzw. wie reagierst Du, wenn Du persönlich mit solchen Vorurteilen konfrontiert wirst?

Wie immer kommt es darauf an. Kenne ich die Person, die gerade mir gegenüber verletzend ist? Ich schaue auch immer nach meinen Ressourcen, habe ich gerade die Energie, die Verletzung zu benennen und die Person anzusprechen. Dies sind Überlegungen, die ich in mein Verhalten miteinbeziehe. Es kann manchmal ratsam sein, den Ball zurückzuspielen und konkret nachzufragen, wie etwas gemeint ist. Das genaue Positionieren bringt die Menschen manchmal dazu, nochmal oder genauer darüber nachzudenken, was sie gesagt oder getan haben. Bei einigen Menschen führt dies schon dazu, dass sie sich von alleine entschuldigen. Und wenn man direkter werden muss, kann man so etwas sagen wie: „Mein Körper ist nicht Deine Kommentarspalte!“ oder „Einem Körper kann man nicht ansehen, ob er krank oder gesund ist!“ oder „Jegliches Kommentieren eines fremden Körpers ist immer eine Grenzüberschreitung“.

4. Gibt es überhaupt Klischees über dicke Menschen, die in Deinen Augen zutreffen - oder solche, die Du gerne kreieren und hören wollen würdest? Positivere?

Ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch einzigartig in seinem Wesen ist und dass genau diese Einzigartigkeit uns gerade so besonders und wertvoll macht. Was ich gerne medial mehr über Menschen mit großen Körpern hören und sehen möchte, ist genau diese Einzigartigkeit. Ich möchte gern die volle Bandbreite an Möglichkeiten sehen, wie Menschen mit großen Körpern sind. Ich möchte mehr Schauspieler mit großen Körpern sehen, denn die gibt es. Ich möchte mehr Models mit großen Körpern sehen, denn sie spiegeln die Mehrheit eines Körpertypus der Bevölkerung wieder. Ich möchte mehr beruflich erfolgreiche Menschen sehen, denn es gilt: „Leistung steht nicht auf dem Display einer Waage“. Wir haben auch das Problem, dass 98 Prozent der Personalentscheider dicken Frauen keine prestigeträchtigen Berufe zutrauen (Quelle: Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V.) und es gibt wundervolle Gegenbeispiele, wie das Gründungsteam von Wundercurves schon längst bewiesen hat. Ich würde mir auch wünschen, dass mehr Fitnessstudios dafür ausgestattet sind, dass auch Menschen mit über 100 Kilo Sport machen und demzufolge auch Geräte bereitstellen, die eine größere Belastungsgrenze haben als 150 Kilo. Denn Menschen mit einem großen Körper machen Sport und das auch sehr gerne ☺.

5. Liegt Dein Körpertyp in der Familie?

Ganz einfach: Ja. Wir haben kleine runde Kugelblitze wie mich, aber auch große athletische Menschen wie meine Schwester. Dazwischen gibt es einfach alles.

6. Was meinst Du ist der Grund, warum dicke Menschen meist nur auf ihre vermeintliche Gesundheit bzw. Krankheit reduziert werden?

In vielen Gesellschaften wird ein großer Körper als Makel definiert, den es gilt zu verändern. Gesellschaftlicher Konsens ist, dass Menschen etwas falsch gemacht haben und dieser Fehler sei ganz einfach durch „richtige“ Ernährung und Sport zu korrigieren. Es wird nicht in Betracht gezogen, dass Körper sehr individuell sind und sein dürfen.

Menschen mit großen Körpern wird auch immer unterstellt, sie seien nicht nur nicht leistungsfähig und -willig, sondern auch eine Belastung für das Gesundheitssystem und die Gesellschaft, weil große Körper per se krank sind. An diesem Punkt stelle ich immer Athleten vor. Nicht weil sie Sport machen, sondern gerade weil sie Sport machen und sie dennoch einen großen Körper haben. Zum Beispiel Latoya Shauntay Snell, die Marathonläuferin ist. Oder Jessamyn, eine Yogalehrende aus den USA. Ein weiteres Beispiel ist Dörte Kuhn von Kurvenreich Yoga, die auch zur Doppelspitze der Leitung des Hamburger Verband für Turnen e.V. gehört! Wir sollten uns als Gesellschaft aktiv dafür einsetzen, dass Körperdiversität eine Realität ist, die unsere Anerkennung und Wertschätzung verdient.

Body Mary auf der Berlin Fashion Week

Berliner Fashion Week 2017

7. Du engagierst Dich auch politisch für die Gleichstellung von mehrgewichtigen Menschen. Werden diese in der Politik überhaupt wahrgenommen und berücksichtigt?

Gesellschaftliche und politische Akteure sensibilisieren sich immer mehr bzw. werden immer mehr sensibilisiert durch politische Arbeit. Denn bis heute können Menschen von einer Verbeamtung ausgeschlossen werden, wenn ihr BMI höher als 25 ist. Der BMI gibt an, in welcher Relation Körpergewicht zur Körpergröße steht. Der BMI kann jedoch so nichts über die Gesundheit und oder die Leistungsfähigkeit von Menschen aussagen.

Es gibt auch keinen Rechtsschutz, sollte der Arbeitgeber einen Arbeitnehmer entlassen aufgrund von „mit ihrem Gewicht sind sie nicht repräsentabel genug für unser Unternehmen“ – diese Fälle haben wir leider auch. In Berlin haben sich SPD, DIE LINKE und BÜNDNIS / 90 DIE GRÜNEN dafür eingesetzt, dass das Merkmal Gewicht in das Landesantidiskriminierungsgesetz Berlins aufgenommen wird, sollte ein LADG (Landesantidiskriminierungsgesetz) verabschiedet werden. Dann hätten wir in Berlin das erste Bundesland, dass das Merkmal Gewicht als schützenswert vor Diskriminierungen anerkennt und es gebe auch einen Rechtsschutz, den man vor Gerichten einklagen kann.

8. Stören sich manche Leute an Deinem Job?

Ich nehme eher wahr, dass die Menschen mich bestärken und es gut finden, was ich mache. Gewichtsdiskriminierung betrifft nicht nur Menschen mit einem großen Körper. Das fängt bei drei bis vier jährigen Kindern an. Menschen befinden sich im Schnitt allerdings bis zum 20. Lebensjahr im Wachstum, sie brauchen viel Energie, der Körper und das Gehirn verändern sich stetig. Ein so früher Eingriff in den Körper und die Würde des Menschen kann traumatische Folgen haben, wie ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper und zum Essen. Menschen mit „Normalgewicht“ haben große Angst zu zunehmen und beginnen Essen in „gut“ und „schlecht“ einzuteilen.

Expertenverbände stufen dieses Verhalten als ein Alarmsignal hin zu einer Essstörung ein. Aber der Zuspruch zu meiner Arbeit kann auch schnell ins Gegenteil umkehren, wenn ich Menschen auf ihr diskriminierendes Verhalten anspreche. Weil ich mir wünsche, dass sie 1. dieses Verhalten unterlassen und 2. sie auch Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen sollen. Wir alle wachsen mit diskriminierender Sprache, Verhalten und Stereotypen auf. Es wäre schon viel gewonnen, dass einfach mal anzuerkennen, wenn man wirklich die Intention hat, jemanden nicht verletzen zu wollen. Und dann die Verantwortung zu übernehmen in dem man der verletzten Person zuhört und sich nicht gleich persönlich angegriffen fühlt, wenn jemand sagt, Du hast mich verletzt. Ich denke, viele Menschen wollen andere Menschen nicht absichtlich verletzen, aber es ist wichtig zu verstehen, dass nicht die Intention entscheidend ist, ob man von diskriminierenden Verhalten spricht, sondern die Wirkung der gesagten Worte und des Verhaltens. Wenn jemand Verantwortung übernehmen will, entstehen vielleicht erst mal viele negative Gefühle, warum man der betroffenen Person nicht zuhören kann, wie Scham, Schuld, Wut, Trauer. Um das Dilemma zu lösen, sollten wir versuchen diese Gefühle anzuerkennen und lernen einen Schritt von uns selbst wegzugehen und einen Schritt auf die Person zugehen, die verletzt wurde.

9. Was möchtest Du anderen für einen Rat geben für mehr Mut und Selbstliebe?

Ich würde mir wünschen, dass wir keinen Mut bräuchten, um die Person sein zu können, die wir sind. Bis es soweit ist, würde ich mir auch wünschen, dass wir nicht von allen Selbstliebe erwarten. Denn ich will ehrlich sein, SelbstLIEBE ist ein großes Wort, das viele Menschen unter Druck setzen kann, weil sie es nicht können oder gar nicht wollen. Und es ist ein langer Prozess, der unter Umständen ein ganzes Leben dauern kann. Und hier finde ich es wichtig zu sagen, dass muss auch kein Mensch! Für mich ist es wichtig, wenn Menschen anfangen würden sich nicht selbst abzuwerten und lernen sich zu akzeptieren. Und es ist vollkommen okay auf dieser Stufe stehenzubleiben. Was ich mir wirklich sehr wünschen würde, ist, dass wir uns das Recht und die Zeit nehmen uns selbst in unserer Einzigartigkeit kennenlernen zu dürfen und uns dafür zu feiern. Und das wir daraus vielleicht für uns selbst neue Definitionen von Schönheit, Gesundheit, Wertvoll ableiten und wir dadurch die Möglichkeit bekommen, uns so wie wir sind in diesen Begriffen mitdenken zu können. Wir sollten uns erlauben der Standard für unser Leben zu sein, denn unser Leben und unser Körper gehört uns.

Vielen Dank für das spannende Interview. Wir wünschen Dir und der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V. weiterhin viel Erfolg.